Ernst Jünger: „Was früher Engel waren und was Engel gaben, wird vermisst“


In der vom 26.September bis zum 26.Oktober 2003 gezeigten Ausstellung im Forum Creativ soll es um Engel gehen, auch um Schutzengel. Wenn auch von vielen Seiten am Bestehen der geflügelten Boten Gottes Zweifel artikuliert werden, so läßt jedenfalls die Bibel im Alten und Neuen Testament keinen aufkommen: „Es gibt Engel !“ Doch diese theologische Frage ist nicht Sinn und Gegenstand dieser Ausstellung. Hier sind Künstler angetreten, Ihr Bild und Ihre Vorstellung eines Engels zu versinnbildlichen , eines Bildes, das in Ihnen durch Glauben gewachsen,oder durch Erleben zu Ihnen gekommen ist.

Die erste bekannte Abbildung oder Spur eines Engels , die Fußspur auf einem Stein des Erzengels Michael aus dem Jahre 493 , wird noch heute auf dem süditalienischen Monte Gargano verehrt. Ist es nicht erstaunlich, dass der Glaube der Pilger an die Wahrhaftigkeit der Wallfahrtsstätte seit fünfzehn Jahrhunderten ungebrochen ist, obwohl sich die Frage aufdrängt, ob eine ätherische Idee, ein geflügeltes, helfendes Wesen, so die heutige Engel-Vorstellung, eine schwerfüßige Spur auf einem Stein hinterlassen kann. 
Viele Kulturen kennen Engel. Einige davon sind die jüdische Mallak und die islamische Malaike, die iranischen Amesha Spentas und Fravashi, die akkadischen Anunnaku und Igigu, die germanischen Walküren, die aztekischen Nagual, und nicht zuletzt die römischen Genius und Juno. Wenn auch Bultmann meint ; „die Welt der Geister und Dämonen ist durch die moderne Wissenschaft und Technik -erledigt- sie gehören nicht zur bleibenden Botschaft“, so war Romano Guardini in seiner 1956 veröffentlichten Betrachtung nicht der erste und einzige Mensch, der dem entschieden widersprochen hat. Auch das ständig wache Interesse der Menschen und ihrer Künstler an diesem Thema, hat in der Theologie in jüngster Zeit zu einem Nachdenken geführt.

Engel , aus dem Griechischen angelos – der Bote , sind Boten und Diener Gottes. Mittler zwischen der Gottheit und den Menschen. Sie gelten als höchste Stufe der Schöpfung, nicht völlig körperlos. Gestalten aus Licht oder Äther mit einem Astral- oder Feuerleib. Z.B. auf griechischen Ikonen durch rote Gewänder versinnbildlicht.
Die Engel selbst bilden eine hierarchische Ordnung. Pseudo-Dionysos hat dies in seinem einschlägigen Werk, aus dem 15.Jahrhundert, ausführlich beschrieben. Ihre Zahl geht in die Millionen. Der Seher, Johannes von Patmos, machte 101 Millionen Engel aktenkundig.

Wer heute von Engeln spricht, kommt an der breiten Palette der Schriftsteller und Dichter, die dazu etwas zu sagen hatten, nicht vorbei.
Uwe Wolff, der wohl bekannteste Engelforscher der Gegenwart, der mehrere Bücher zu diesem Thema verfasste, meinte: ,“dass die Engel in der Literatur ihre eigentliche Heimstatt gefunden haben“. Kritiker meinen , daß der Weg zu einer anerkannten Autorenexistenz zwangsläufig über Engel führt. Aischinger, Dürrenmatt, Henry Miller, H.G.Wells, alle haben sich schon an diesem Thema versucht. Auch Lyriker wie Rose Ausländer, Peter Härtling, Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs brachten uns den Engeln näher. Sehr ausführlich beschäftigten sich Rafael Alberti , „Von den Engeln“ und R.M.Rilke , „Duineser Elegien“ mit den „Kräften des Geistes“ , den Engeln.
Engel waren auch immer wieder Gegenstand der bildnerischen Darstellung. In frühchristlicher Zeit wurden Sie nach dem Vorbild der antiken Genien gestaltet. Im späten 4.Jahrhundert erscheinen sie als geflügelte Wesen. Die Flügel wurden der römischen Nice Viktoria entlehnt. In der byzantinischen und später abendländischen Kunst tragen sie die übliche Hoftracht und sind meist männlichen Geschlechts. Giotto malte 1305 in Padua den ersten unbekleideten Kinderengel, als Vorläufer der Putten der Renaissance, des Barock und des Rokoko, die zumeist androgyne , vollkommene, also unwirklich phantastische, Wesen waren. Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder , Kunst macht sichtbar, so behauptet Paul Klee.
Und so stellte auch Dürer in seiner Apokalypse menschlich erscheinende Engel im Kampf gegen die Dämonen dar. In der Folge der französischen Revolution verschwanden die Engel, verdrängt von der Vernunft. Doch Anfang des 19.Jahrhunderts feierten sie fröhliche Urstände in einer retrospektiven Malerei. Schutzengelbilder hielten Einzug in Schlafzimmer und Engel-Plastiken besetzten die Friedhöfe. Nun wandelte sich der Engel auch in eine weibliche Gestalt, Sinnbild der Schönheit, aber auch der Ohnmacht und Schwäche.

Maler, wie z.B. Marc Chagall und Paul Klee, gingen durch persönliches Erleben inspiriert dazu über, frei von normativen Zwängen , nur der eigenen Phantasie entspringende Darstellungen des Engels, dem Publikum zu präsentieren.

Die Ausstellung im Forum Creativ zeigt, daß auch heute die traditionellen Darstellungsformen der Engel von den Künstlern gepflegt werden, es aber auch Künstler gibt, die eine neue Bild- und  Formensprache für ihre persönliche Sicht der geheimnisvollen Jenseitswesen gefunden haben.
Zum Beispiel waren die strengen byzantinischen Engel Vorbild und Inspiration der Engelstatuen von Gunter Schmidt-Rieding. Wolfgang Petershöfer hingegen wähle für seinen stilisierten Engel , Acrylglas und symbolisierte damit das transzendente Wesen der Himmelsboten. Sybylle Ritter, versucht sich über Umwege dem Thema zu nähern. Für Sie ist die Existenzfrage beantwortet, doch wie und wo wohnt ein solcher Engel, galt es zu klären.
So wie die eingangs gestellte Frage, gibt es Engel , letztlich jeder für sich selbst beantworten muss, so geben auch die ausstellenden Künstler mit ihren Objekten eine ganz persönlich Antwort. Viele Variationen sind zu sehen und mit der Engeldarstellung, offenbart und zeigt ein jeder Künstler damit etwas von seinem inneren Selbst, so wie es im Ausstellungsmotto zum Ausdruck kommt, DER ENGEL , den fühl ich in mir drin. 

Die ausgestellten Objekte tragen keinen Zweck in sich selbst , nicht um der Kunst willen , „làrt pour làrt, wurden sie geschaffen, sonder jeder für sich möchte damit auch eine Botschaft vermitteln. Und was läge näher, als mit dieser Ausstellung die Schutzengelaktion „Hilfe für die Kinder in Uganda“ zu unterstützen. Zu diesem Zweck geht der Verkaufserlös des „Wildberger Engels“ von Wolfgang Petersdörfer an ein Projekt in Uganda, da sich um die Resozialisierung von ehemaligen Kindersoldaten bemüht.        
 

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